Die Herausforderung der Messung von finanzierten CO₂-Emissionen

Die Messung von finanzierten CO₂-Emissionen bei Banken und Kapital­anlage­gesellschaften hat zunehmend an Bedeutung gewonnen und macht die Erfassung der klimaneutralen Transformation in der Finanzbranche möglich. Internationale Standards sind schon recht weit entwickelt, werden aber bisher nur von wenigen Großbanken und Kapitalanlagegesellschaften angewendet. Mittlerweile beginnen aber auch kleinere Banken diese als Mess- und Steuerungsgröße für ihr Kredit- und Anlageportfolio zu nutzen, da der Druck von den Stakeholdern und Aufsichtsbehörden zunimmt, dass der Fortschritt bei der Transformation dokumentiert wird.

Die Messung der finanzierten Treibhausgasemissionen in Kredit- und Anlageportfolien beginnt mit der Erfassung der einzelnen Emissionen bei den finanzierten Vermögensklassen. Die Partnership for Carbon Accounting Financials (PCAF) teilt diese z.B. in Unternehmen, Immobilien, Fahrzeuge oder Infrastrukturprojekte ein. Deren Treibhausgasemissionen teilt man weiter auf der Unternehmensebene in drei Klassen ein:

  • Scope-1-Emissionen: Dies sind direkte Emissionen, die beim berichtenden Unternehmen oder von ihm kontrollierten Beteiligungsgesellschaften entstehen. Hierbei handelt es sich um Emissionen, die bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen entstehen. Diese Emissionsart kann das jeweilige Unternehmen senken, indem es in neue Technologien investiert oder Prozesse verbessert.
  • Scope-2-Emissionen: Dies sind indirekte Emissionen, die durch den Erwerb von für die Produktion erforderliche Elektrizität, Dampf, Wärme oder Kälte entstanden sind. Diese Upstream Emissionen sind nicht beim berichtenden Unternehmen entstanden, sondern durch andere Unternehmen, deren Elektrizität, Dampf, Wärme oder Kälte das berichtende Unternehmen für seine Produktion benötigt und deshalb eingekauft hat. Sie werden aber dem produzierenden Unternehmen zugerechnet. Diese Emissionsart kann ein Unternehmen beispielsweise einsparen, indem es klimaneutralen Strom aus Erneuerbaren Energien einkauft.
  • Scope-3-Emissionen: Dies sind indirekte Emissionen, die nicht in Scope-2 enthalten sind. Scope-3 Emissionen können als Upstream Emissionen (z.B. aus der Herstellung von Materialien, die vom berichtenden Unternehmen eingekauft werden) oder als Downstream Emissionen (z.B. bei der Logistik, der vom berichtenden Unternehmen hergestellten Produkte und Dienstleistungen) entstehen. Finanzierte Emissionen, also Emissionen, die bei einem Unternehmen anfallen, das von Banken oder Kapitalanlagegesellschaften finanziert wird, sind Downstream Emissionen und werden auf der Scope-3-Ebene der finanzierenden Banken oder der finanzierenden Kapitalanlagegesellschaft gemessen.

Gerade bei einer Bank oder einer Kapitalanlagegesellschaft können die finanzierten Emissionen ein Vielfaches ihrer Scope-1- und Scope-2-Emissionen sein.

 

Die Messung der finanzierten Emissionen der Assetklassen

PCAF hat eine Metrik für die finanzierten Emissionen für die folgenden Assetklassen erstellt:

  • Börsennotierte Aktien: Die finanzierten Emissionen bei börsennotierten Unternehmen werden berechnet, indem das Volumen der Aktien eines solchen Unternehmens, das eine Bank oder Kapitalanlagegesellschaft erworben hat, durch den Unternehmenswert ohne Abzug von liquiden Mitteln (Enterprise Value Including Cash, EVIC) geteilt wird. Diese Verhältniszahl wird dann mit den Treibhausgasemissionen des börsennotierten Unternehmens multipliziert.
  • Nicht-börsennotierte Aktien: Für nicht-börsennotierte Unternehmen wird der Anteil, den die Bank oder Kapitalanlagegesellschaft an diesem Unternehmen hält, durch das Volumen des Eigenkapitals dieses Unternehmens geteilt. Diese Verhältniszahl wird anschließend mit den Treibhausgasemissionen des Unternehmens multipliziert.
  • Unternehmensanleihen: Um die finanzierten Emissionen in dieser Assetklasse zu messen, wird das Volumen der Anleihen des Unternehmens, das eine Bank oder Kapitalanlagegesellschaft hält, durch das Volumen des Eigenkapitals und der Fremdfinanzierungsinstrumente des Unternehmens geteilt und diese Verhältniszahl wird dann mit den Treibhausgasemissionen dieses Unternehmens multipliziert.
  • Unternehmenskredite: Die Berechnung für diese Assetklasse erfolgt analog zur Berechnung bei Unternehmensanleihen. Das an das Unternehmen vergebene Kreditvolumen wird durch das Volumen des Eigenkapitals und der Fremdfinanzierungsinstrumente geteilt und mit den Treibhausgasemissionen des finanzierten Unternehmens multipliziert.
  • Projektfinanzierung: Hierbei wird der Investmentanteil bzw. der Kreditanteil des finanzierten Projekts durch das Eigenkapital und die Fremdkapitalinstrumente des Projekts geteilt. Anschließend wird diese Verhältniszahl mit den Treibhausgasemissionen des Projektes multipliziert.
  • Gewerbeimmobilien: Hierbei wird das Volumen, das in die Gewerbeimmobilie investiert wurde, bzw. das Volumen des Immobilienkredits durch den Wert der Immobilie geteilt. Diese Verhältniszahl wird dann mit den Treibhausgasemissionen des Gebäudes multipliziert.
  • Hypotheken: Hierzu wird das Volumen des Hypothekarkredits durch den Wert der Immobilie geteilt und diese Verhältniszahl wird mit dem Treibhausgasemissionen der Immobilie multipliziert.
  • Autofinanzierungen: Hierbei wird das Finanzierungsvolumen durch den Wert des Fahrzeugs geteilt und mit den Treibhausgasemissionen des Fahrzeugs multipliziert.
  • Staatsanleihen: Zur Berechnung der finanzierten Emissionen eines Staates wird das Volumen der erworbenen Staatsanleihen durch das kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt des Landes geteilt und diese Verhältniszahl wird mit den Treibhausgasemissionen des öffentlichen Sektors multipliziert.

 

Für das Reporting der finanzierten Emissionen schlägt PCAF die folgenden Metriken vor:

  • Absolute Emissionen: Dies sind die gesamten finanzierten Treibhausgasemissionen eines Portfolios oder eines finanzierten Unternehmens. Sie werden in Tonnen CO₂-Äquivalenten gemessen.
  • Ökonomische Emissionsintensität: Dies sind die absoluten Emissionen eines finanzierten Unternehmens geteilt durch das Volumen an Finanzierung für dieses Unternehmen. Diese Kennzahl wird in Tonnen CO₂-Äquivalenten pro eine Million Euro gemessen. Diese Kennzahl kann für das Gesamtportfolio als die Summe an absoluten Emissionen durch die „Assets under Management“ (verwalteten Kundengelder) berechnet werden.
  • Physische Emissionsintensität: Dies sind die absoluten Emissionen eines finanzierten Unternehmens geteilt durch den Energieverbrauch des Unternehmens. Sie werden in Tonnen CO₂-Äquivalenten pro Megawattstunde gemessen.
  • Gewichtete mittlere Emissionsintensität: Diese Kennzahl misst das Exposure eines Portfolios gegenüber emissionsintensiven Unternehmen. Diese Kennzahl wird durch das Verhältnis der absoluten Emissionen eines finanzierten Unternehmens und dem Umsatz des Unternehmens gemessen.

 

Ziel der Messung von finanzierten Treibhausgasemissionen

Mit Hilfe dieser Kennzahlen können Banken und Kapitalanlagegesellschaften die folgenden Aufgaben erfüllen:

  • Sie können Klimarisiken in ihren Bilanzen ermitteln, die im Einklang mit den Vorgaben der Task Force for Climate-related Financial Disclosures stehen (TCFD). Das Financial Stability Board hat die (TCFD ins Leben gerufen, um die Berichterstattung über klimabezogene Finanzinformationen zu verbessern und auszuweiten.
  • Sie können sogenannte wissenschaftsbasierte Ziele der Science-based Targets Initiave (SBTi) für ihre Transformationsstrategie setzen. Diese Ziele bieten Unternehmen einen Transformationsweg zur Reduzierung von Emissionen im Einklang mit den Zielen des Pariser Abkommens. Mehr als 4.000 Unternehmen auf der ganzen Welt arbeiten bereits mit der SBTi zusammen und liefern Daten an diese, die dann für Benchmarkanalysen genutzt werden.
  • Sie können an Stakeholder, wie dem Carbon Disclosure Project (CDP), berichten: Das CDP ist eine gemeinnützige Organisation, die ein globales Offenlegungssystem für Investoren, Unternehmen, Städte, Staaten und Regionen betreibt, um deren Umweltauswirkungen zu messen und damit auch zu steuern. Der Corporate Environmental Action Tracker (CEAT) des CDP ist ein Instrument, das die aggregierten CDP-Daten für die Öffentlichkeit zugänglich macht, um den Stand der Klimaveröffentlichungen und -maßnahmen von Unternehmen zu verfolgen.
  • Sie können innovative Finanzprodukte entwickeln, welche die Transformation hin zu einer Net-Zero Wirtschaft unterstützen.

 

Wie stehen diese Kennzahlen im Verhältnis zur Green Asset Ratio?

Die Green Asset Ratio basiert nicht auf dem Standard der PCAF, sondern auf der EU-Taxonomie. Sie gibt an, welcher Teil der Bilanzen von Banken ökologische-nachhaltige Kriterien erfüllt. Anders als bei PCAF fließen hier Projektfinanzierungen, Staatsanleihen, Anleihen der Europäischen Investitionsbank (EIB) und KMU-Kredite nicht ein. Letztere werde nicht berücksichtigt, da nur Assets von Unternehmen, für die eine Verpflichtung zur Nachhaltigkeitsberichterstattung gilt, in die Green Asset Ratio einfließen dürfen. Damit können Banken, z.B. mit der Finanzierung von Windkraftanlagen oder mit der Finanzierung von klimaneutralen KMU ihre Green Asset Ratio i. d. R. nicht verbessern. Dies könnte dazu führen, dass Banken ihre Portfolien anpassen, um ihre Green Asset Ratio zu verbessern und sich deshalb beispielsweise aus der KMU-Finanzierung oder der Finanzierung von Windkraftanlagen zurückziehen.

 

Was bedeutet diese Entwicklung für Kreditnehmer?

Für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) bedeutet dies, dass die gegenüber Finanzinstituten ihre Scope-1, Scope-2 und vermutlich auch Scope-3 Emissionen offenlegen müssen. Zwar nutzen bisher nur sehr wenige Großbanken den PCAF-Standard. Doch kann auch damit gerechnet werden, dass kleinere Banken im Rahmen der Green Asset Ratio nachziehen werden, weil auch sie in einem Transformationsprozess sind, und ihren Stakeholdern ihren Fortschritt in der Transformation berichten sowie gegenüber den Aufsichtsbehörden signalisieren, dass ihre Bilanz keinem nennenswerten Klimarisiko ausgesetzt ist. Wie hoch der Aufwand für die KMU ist, hängt davon ab, wie diese die Kennzahlen in ihrem Unternehmen zu erfassen und zu übermitteln sind. Bei standardisierten Kennzahlen, die regelmäßig offengelegt werden müssen, ist der Aufwand geringer, als wenn fallweise nicht-standardisierbare Informationen erfasst und übermittelt werden müssen.

 

Fachbeitrag von Markus Demary,
Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V.