Gastbeitrag von
Ministerin Mona Neubaur
in der Börsen-Zeitung, Sonderbeilage „Wirtschaftsraum NRW“

Wirtschaftsministerin Neubaur: Mit der Initiative Fin.Connect.NRW Kräfte für die Transformation bündeln

Seit Jahrzehnten sind internationale Industrieunternehmen sowie kleine und mittlere Betriebe aus Nordrhein-Westfalen Motor der deutschen Wirtschaft. Nun machen wir uns zwischen Rhein, Ruhr und Weser auf, um die erste klimaneutrale Industrieregion Europas, um Vorreiter auf dem Weg hin zur Klimaneutralität zu werden. Der Beitrag der Finanzwirtschaft auf diesem Zukunftspfad ist von großem Gewicht. Denn nötig sind erhebliche Investitionen.

Es ist das größte, das herausforderndste und das spannendste Projekt unserer Zeit: Unter den schwierigen Bedingungen einer Zeit der Stapelkrisen müssen wir die Transformation Richtung Klimaneutralität und Nachhaltigkeit angehen, müssen den Weg dahin ebnen und das Tempo erhöhen. Das Industrieland Nordrhein-Westfalen auf den 1,5-Grad-Pfad zu bringen, ist eine Aufgabe, die epochalen Charakter hat – in Bezug auf die Größe der Herausforderung, aber auch mit Blick auf die Größe der Möglichkeiten. Denn die ökologische und die ökonomische Perspektive fallen an dem Punkt zusammen: Der zukünftige Erfolg von Geschäftsmodellen hängt davon ab, ob und wie grün sie sind. Wer heute in Ressourcenschutz, in Nachhaltigkeit und in grüne Technologie investiert, geht nicht nur den Weg, den der Klimawandel uns als Menschheitsaufgabe stellt, sondern auch den Weg, der unternehmerischen Erfolg verspricht. Die Kapitalmärkte spiegeln dies längst wieder. Wille, Wissen und Wagnisbereitschaft sind vorhanden, Innovationen und Investitionen müssen dem folgen.

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat in einer Berechnung aus dem Jahr 2022 alleine für die zur Erreichung der Klimaziele bis 2030 notwendigen Investitionen in die Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen einen Finanzierungsbedarf von bis zu 50 Milliarden Euro jährlich ermittelt. Hinzu kommen jährlich rund 17 Milliarden Euro für die Digitalisierung – denn tatsächlich befinden wir uns ja in der „twin transformation“, in einer doppelten Transformation mit dem Weg zur Klimaneutralität und dem Übergang zur digitalen Gesellschaft.

Als Wirtschafts- und Klimaschutzministerium in Nordrhein-Westfalen unterstützen wir Unternehmen dabei, ihre Transformationsaufgaben anzunehmen und Zukunftsinvestitionen zu tätigen. Unser Ziel ist ambitioniert und nur als Gemeinschaftsprojekt zu erreichen: Wir wollen Nordrhein-Westfalen zur ersten klimaneutralen Industrieregion Europas entwickeln, zum Spitzenreiter bei Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit. Staatliche Mittel alleine reichen hierfür nicht aus. Daher bedarf es auch der Mobilisierung privaten Kapitals.

Die Notwendigkeit von Investitionen trifft auf Finanzmarktakteurinnen und -akteure, die zunehmend nach nachhaltigen Anlagemöglichkeiten suchen. Der Wille zur Transformation schlägt sich auf den Kapitalmärkten nieder. Eine Vielzahl von Investorinnen und Investoren sucht nach Anlagemöglichkeiten, die neben einer Rendite auch möglichst große positive soziale und ökologische Effekte nach sich ziehen. Der hohen Nachfrage liegt ein noch höherer Handlungsdruck zugrunde: Von den zehn größten Risiken, die das Weltwirtschaftsforum im Global Risk Report 2023 für das Jahr 2033 für die Weltwirtschaft identifiziert hat, gehen sechs auf den menschengemachten Klimawandel zurück. Hierunter sind auf den ersten vier Plätzen mangelnde Maßnahmen gegen die Erderwärmung, mangelnde Maßnahmen zur Klimaanpassung, extreme Unwetterereignisse und ein Verlust der Biodiversität. Dies und die infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine extrem gestiegenen Preise für fossile Energien zeigen, wie dringend notwendig Investitionen in Transformationsvorhaben für unseren zukünftigen Wohlstand sind.

Wesentlich sind Investitionen in neue Anlagen, Produktionsweisen und Infrastrukturen. Unternehmen wie auch Akteurinnen und Akteure auf den Finanzmärkten stehen vor enormen Herausforderungen. Denn die gewaltigen Investitionen werden nur durch die passende Finanzierung möglich sein.

Damit Investitionsentscheidungen effektiv im Sinne der Nachhaltigkeit getroffen werden können, bedarf es einer einheitlichen Definition. Die Europäische Union hat mit der EU-Taxonomie und den ESG-Kriterien einheitliche Rahmenbedingungen geschaffen, die Nachhaltigkeitskriterien definieren. Auf diese Weise werden Gelder in nachhaltige Unternehmen und Technologien gelenkt, zugleich wird der Green Deal unterstützt, der Europa zu nachhaltigem Wachstum verhelfen und es zur Klimaneutralität führen soll.

Für Nordrhein-Westfalen als Industrieland sind Investitionen in die Transformation essentiell – sie entscheiden über unsere Zukunft als erfolgreicher Wirtschaftsstandort in Europa. Dabei können wir auf hervorragenden Voraussetzungen aufbauen: Wir blicken in unserem Land auf zahlreiche Kredit- und Finanzdienstleitungsinstitute, eine starke Versicherungswirtschaft sowie Deutschlands größte Landesförderbank. Um den gewaltigen Finanzierungsbedarf der Unternehmen für die Transformation hin zur Klimaneutralität in Nordrhein-Westfalen zu decken, braucht es diese gebündelte Kraft.

Diese Erkenntnis liegt unserer Initiative Fin.Connect.NRW zugrunde, mit der wir die Potenziale des Finanzwirtschaftsstandorts Nordrhein-Westfalen für Zukunftsinvestitionen heben wollen. Die Plattform Fin.Connect.NRW besteht aus Banken- und Sparkassen, Versicherungen, der Börse, Private Equity Gesellschaften, der NRW.BANK, der Wissenschaft, Beratungsunternehmen und nicht zuletzt der Realwirtschaft. Diese Vielfalt ist die besondere Stärke der Initiative, aus der heraus sie eine besondere Durchschlagskraft für Nordrhein-Westfalen entwickeln kann. Gemeinsames Ziel ist es, das Finanzökosystem Nordrhein-Westfalens auszubauen und durch das Zusammenwirken der Finanzplatzakteurinnen und -akteure die Transformationsfinanzierung einen bedeutenden Schritt voranzubringen. Denn Ideen, Technologien und Innovationen für eine klimaneutrale Zukunft können nur in der Breite durch Unternehmen ausgerollt werden, wenn eine erfolgreiche Finanzierung verfügbar ist.

Ein großer Teil des Finanzierungsbedarfs von Unternehmen wird über die Hausbanken bereitgestellt. Zugleich nimmt auch die NRW.Bank als Förderbank des Landes mit ihren umfangreichen Unterstützungsangeboten eine zentrale Rolle ein. Neben der Kreditfinanzierung kann auch das Eigenkapital einen Engpassfaktor darstellen. Fin.Connect.NRW stellt hierzu Überlegungen an, wie solche Hindernisse am effektivsten beseitigt und Kapitalmarktinstrumente besser genutzt werden können. Zudem spielt die Passgenauigkeit eine große Rolle. Dies ist insbesondere der Fall, wenn Unternehmen in Technologien investieren, die noch nicht ihre Marktreife erreicht haben. Hier ist es entscheidend, dass das Risiko adäquat zwischen Hausbank und Förderbank geteilt wird. Auch die Frage, inwieweit die Finanzierung von Basisinnovationen gelingen kann, die durch Unternehmen erst noch entwickelt und vermarktbar gemacht werden müssen, stellt sich in diesem Kontext. Auch hier gilt es, eine adäquate Aufgabenteilung zwischen staatlicher Anschubfinanzierung und privater Investition zu finden.

Neben all diesen Fragen arbeitet Fin.Connect.NRW daran, bei Unternehmen, insbesondere beim Mittelstand, Aufmerksamkeit für das Thema der Transformationsberatung zu schaffen. Denn gerade kleine und mittlere Unternehmen, die in ihrer jeweiligen Nische führend im Weltmarkt sind, profitieren von Informations- und Beratungsangeboten.

Mit dem Fokus auf all diesen Fragen gilt es nun, die Finanzplatzinitiative Fin.Connect.NRW zu vertiefen, um die Transformationsfinanzierung in Nordrhein-Westfalen weiter zu stärken. Gemeinsam mit unseren Kooperationspartnerinnen und -partnern werden wir das Finanzökosystem ausbauen und die übergreifenden Akteurinnen und Akteure zusammenbringen, um Antworten zu finden, Lösungswege aufzuzeigen und Nordrhein-Westfalen für die Zukunft aufzustellen – klimaneutral und nachhaltig, innovationsstark und wettbewerbsfähig.

PDF-Download: Gastbeitrag Ministerin Neubaur Börsen-Zeitung

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